„Ende der Schonzeit? Israel, Juden und der Ausklang der Nachkriegsära“
Ein Vortrag von Dr. Gad Arnsberg, 29. November 2025 in der B’nai B‘rith Loge Frankfurt am Main
Worum es geht: Eine Ära der Solidarität endet
Dr. Gad Arnsberg fragte in seinem Vortrag, ob wir heute am Ende einer „Schonzeit“ stehen – einer Ära, in der die Solidarität mit Israel in Deutschland und Europa als selbstverständlich galt. Mit „Ende der Schonzeit“ meint Arnsberg jedoch ausdrücklich nicht nur Israel: Der Begriff bezieht sich gleichermaßen auf die Juden der Diaspora. Die Gefährdungslage betrifft heute in besonderem Maße jüdisches Leben weltweit. Arnsberg verwies hierzu auf seine ausführliche Behandlung der empfindlichen, oft prekären jüdischen Existenz in der Diaspora, wie sie etwa Ignatz Bubis immer wieder benannt hatte.
Nach Jahrzehnten, in denen das Verhältnis zu Israel auf dem Fundament der Erinnerung an den Holocaust und der deutschen Verantwortung ruhte, zeigt sich heute ein tiefgreifender Wandel. Arnsberg zeichnete nach, wie sich das Bild Israels und der Juden seit der Shoah verändert hat: von der Nachkriegszeit, in der Israel als Schutzraum und demokratischer Hoffnungsträger galt, bis hin zur heutigen Polarisierung, in der Israel zunehmend als „Kolonialstaat“ und „Täter“ dargestellt wird. Besonders beleuchtete er, wie historische Umbrüche – allen voran der Sechstagekrieg 1967 – den Antizionismus im Ostblock und später in der westlichen Linken prägten, und wie sich heute extreme Rechte und Linke in ihrer Israel-Feindschaft begegnen.
Die Nachkriegszeit: Juden und Israel als moralische Verpflichtung
Nach dem Holocaust war die Haltung zu Juden und Israel in West und Ost von einer tiefen moralischen Verpflichtung geprägt. In Westdeutschland wurde die Erinnerung an die Shoah zur Grundlage einer neuen Staatsräson: Die Solidarität mit Israel galt als unabdingbar, Wiedergutmachungsabkommen und diplomatische Unterstützung waren Ausdruck dieser Haltung. Israel wurde als demokratischer Staat und Schutzraum für Überlebende der Verfolgung wahrgenommen. Doch schon in den 1970er-Jahren zeigte sich, dass man Juden zunehmend nicht mehr als „Alibi“ für die eigene moralische Reinwaschung brauchte. Die Entführung des Sabena-Flugs 571 durch palästinensische Terroristen 1972 und die anschließende Geiselnahme in Lod, bei der israelische Kommandos die Geiseln befreiten, führten zu einer ersten Irritation: Während die deutsche Öffentlichkeit die israelische Aktion zunächst bewunderte, mehrten sich bald Stimmen, die Israel als „aggressiv“ und „unverhältnismäßig“ darstellten.
Auch im Ostblock, trotz latenter antisemitischer Tendenzen, wurde Israel zunächst positiv gesehen. Die Sowjetunion hatte Israel 1948 sogar anerkannt und militärisch unterstützt. Viele jüdische Kommunisten sahen in Israel einen Ort der Selbstbestimmung, und die offizielle Linie unterschied noch zwischen Antisemitismus und Kritik am Zionismus. Doch diese Phase der relativen Offenheit sollte nicht lange währen.
Kultur und Debatten: Vom „Müll, die Stadt und der Tod“ zur Walser-Rede
Die wachsende Distanz zur jüdischen Perspektive zeigte sich auch in der Kultur. 1985 sorgte die geplante Aufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ für einen Eklat. Das Stück, in dem ein „reicher Jude“ als skrupelloser Immobilienspekulant dargestellt wird, löste massive Proteste aus, da es antisemitische Klischees reproduzierte. Die Aufführung wurde schließlich abgesagt – ein Zeichen dafür, wie sehr die Sensibilität für Antisemitismus nachließ, sobald es nicht mehr um die direkte Aufarbeitung der NS-Verbrechen ging.
Ein weiterer Meilenstein war die Rede Martin Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Walser, der für seinen Einsatz für die Einheit Deutschlands gewürdigt wurde, nutzte die Gelegenheit, um die Erinnerung an den Holocaust als „Moralkeule“ zu kritisieren. In seiner Rede mit dem Titel „Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede“ sprach er von einem „Dauerpräsentieren unserer Schande“ und forderte, die Deutschen sollten sich von dieser „Instrumentalisierung der Erinnerung“ befreien. Die Rede wurde mit stehenden Ovationen aufgenommen – doch Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden, bezeichnete sie als „geistige Brandstiftung“ und warf Walser eine „Schlussstrichmentalität“ vor. Der Konflikt um Walsers Rede markierte einen Wendepunkt: Die Erinnerung an den Holocaust wurde zunehmend als „Belastung“ empfunden, die es zu überwinden gelte.
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Der Sechstagekrieg 1967: Wendepunkt zum Antizionismus
Mit dem Sechstagekrieg 1967 änderte sich die Haltung radikal. Israels überraschender Sieg und die Besetzung palästinensischer Gebiete führten zu einer politischen Kehrtwende im Ostblock. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten sahen Israel nun als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ und als Bedrohung für ihre arabischen Partner. Die staatliche Propaganda gleichsetzte Israel mit „Kolonialismus“ und „Rassismus“, griff dabei auf antisemitische Stereotype zurück und diffamierte Juden als „Zionisten“ und „Verräter“. 1975 unterstützten alle Ostblockstaaten die UN-Resolution 3379, die den Zionismus als „Form des Rassismus“ verurteilte.
Gleichzeitig verschlechterte sich die Lage der Juden in der UdSSR massiv: Jüdische Kultur wurde unterdrückt, Ausreiseanträge nach Israel abgelehnt, und viele Juden sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen. Die offizielle Linie des „Antizionismus“ diente dabei oft als Deckmantel für offenen Antisemitismus.
Auch in der westlichen Linken fand diese Rhetorik Anklang. Viele linke Gruppen übernahmen die ostblockgeprägten Narrative, stellten Israel als „kolonialistisch“ und „faschistisch“ dar und solidarisierten sich mit der PLO und arabischen Regimen. Diese Haltung prägt bis heute Teile der radikalen Linken und hat den Diskurs über Israel in Europa nachhaltig verändert.
Moderner Antisemitismus: Israel als „Siedlerkolonialstaat“
Heute wird Israel in weiten Teilen der politischen Linken und postkolonialen Bewegungen als „Siedlerkolonialstaat“ dargestellt, der „weiße, privilegierte Juden“ gegen „schwarze und indigene Palästinenser“ ausspiele. Diese Narrative knüpfen an klassische antisemitische Muster an und konstruieren Israel als illegitimen „Fremdkörper“ im Nahen Osten.
Postkoloniale Kritiker wie Patrick Wolfe oder Ilan Pappé sehen im Zionismus ein Projekt der Landnahme und Verdrängung, das mit anderen Siedlerkolonialstaaten vergleichbar sei. Gad Arnsberg warnt, dass die pauschale Anwendung des „Siedlerkolonialismus“-Begriffs auf Israel die historische Besonderheit des Zionismus als Überlebensprojekt verkenne. Zudem reproduziere sie antisemitische Stereotype und reduziere die komplexe Geschichte des Konflikts auf eine einfache „Täter-Opfer“-Dichotomie. Jüdische Einwanderer handelten nicht im Auftrag einer Kolonialmacht, sondern gründeten als Verfolgte einen eigenen Staat, um sich vor weiterer Vernichtung zu schützen.
Neue Akteure: Antisemitismus unter muslimischen Migranten und der „Rechten“
Mit der Zuwanderung aus arabischen Ländern kamen auch antisemitische Narrative nach Europa, die Israel als „Kindermörder“ und „Besatzer“ darstellen. Diese Haltung zeigt sich in Demonstrationen und Parolen wie „Free Palestine“, bei denen israelische Symbole oft mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt werden. Gleichzeitig instrumentalisieren rechtsextreme Gruppen wie die AfD die Israel-Kritik, um sich als „Freunde der Palästinenser“ zu inszenieren. Sie relativieren die deutsche Schuld („Vogelschiss der Geschichte“), fordern einen „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur und bedienen klassische antisemitische Verschwörungstheorien – etwa die Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“ oder der „Habgier der Juden“.
Konvergenz der Extreme: Linke und Rechte gegen Israel
Heute treffen sich extreme Linke und Rechte in ihrer Israel-Feindschaft. Beide Lager fordern ein „Ende der deutschen Schuld“ und skandieren Parolen wie „Free Palestine from German Guilt“. Beide nutzen antisemitische Codes, stellen Israel als „Täter“ und Juden als „privilegiert“ dar. Und beide leugnen Israels Existenzrecht oder fordern seine Abschaffung. Während die Linke Israel als „kolonialen Unterdrücker“ geißelt, diffamiert die Rechte Israel als „Werkzeug der globalistischen Eliten“. Beide Seiten eint die Ablehnung des jüdischen Staates – und damit eine neue Form des Antisemitismus, die sich als „Antirassismus“ oder „Antikolonialismus“ tarnt.
Fazit: Das Ende der Schonzeit?
Dr. Arnsbergs Fazit ist ernüchternd: Die „Schonzeit“ – die Ära, in der die Solidarität mit Israel in Deutschland selbstverständlich war – ist vorbei. Stattdessen dominieren heute Polarisierung, Geschichtsrevisionismus und ein neuer Antisemitismus, der sich in unterschiedlichen politischen Lagern manifestiert. Die anschließende Diskussion war ungewöhnlich lang; viele Zuhörer fragten, wo man all diese so stringent formulierten Dinge nachlesen könnte – oder ob man sie noch irgendwo veröffentlichen könne.