Standpunkt: Gedanken zu den allwöchentlichen Kundgebungen gegen „rechts“
von Simone Hofmann
Seit einigen Wochen finden allwöchentlich Demonstrationen gegen rechts statt. Gegen welches rechts? Gegen das rechts, welches rechts jeglicher linksextremen Haltung ist? Oder gegen rechtsextrem? Das wäre verständlich. Ich würde allerdings Demonstrationen gegen Extremismus viel glaubwürdiger finden. Denn es geht doch im Wesentlichen um Extremismus und um alles, was unsere Demokratie gefährdet. Diese Gefährdung kommt doch aus alles extremistischen Ecken, egal ob sie nun aus der rechten, linken oder islamistischen Ecke kommt. So wären die Demonstrationen glaubhaft und realitätsnah.
Jeden Samstag strömen viele Menschen zu den Demos gegen „rechts“.
Wie wunderbar wäre es, wenn nur die Hälfte davon, sich berufen fühlen würde zu kommen, wenn es um die Solidarität mit den israelischen Geiseln geht, die noch immer in den Händen der Terrororganisation Hamas sind und um Antisemitismus. Aber da stehen wir als jüdische Gemeinschaft mit einigen wenigen Freunden alleine und müssen diese Kundgebungen tatsächlich auch noch selbst organisieren.
Seit dem 7. Oktober 2023 ist diese, unsere Welt nicht mehr die gleiche. Am 16. Februar sind es 500 Tage seit dem Massaker der Terrororganisation Hamas, verübt an Menschen in Israel. Sie steckten ein Baby in einen Backofen und schalteten ihn an. Frauen wurden brutal vergewaltigt, Menschen brutal hingerichtet. Unsere Welt sieht ganz anders aus, als die bunte und vielfältige Welt, die alle beschwören. Wir gehören offensichtlich nicht dazu.
Wenn z. B. jüdische Hochschullehrende ihre Posten aufgeben, weil sie den Hass, die Bedrohungen und die Anfeindungen nicht mehr ertragen können, wenn jüdische Menschen haben Angst, als solche erkannt zu werden, weil sie sich ihres Lebens oft nicht sicher fühlen oder Schüler auf dem Schulhof als JUDE beschimpft werden, dann geht das nicht nur die jüdische Gemeinschaft etwas an. NEIN, es wäre vor allem die Aufgabe der gesamten Zivilgesellschaft, hier ein STOPSCHILD zu zeigen und klar zu sagen, dass das nicht geht. Aber das wird ignoriert, es wird hingenommen und KAUM JEMAND demonstriert für uns! Niemand organisiert Kundgebungen gegen Antisemitismus – Kaum jemand außer die Betroffenen selbst.
Und wenn es dann doch mal passiert, dann wird stets auch auf Rassismus und Fremdenhass hingewiesen, als ob es nicht ausreicht ausnahemsweise mal ausschließlich auf den Antisemitismus hinzuweisen. Sich klar gegen diesen zu positionieren, ist eben nicht woke und man traut sich das auch nicht, weil man niemanden verletzen will. Uns zu verletzen ist da schon viel leichter.
Wir sind allein mit einigen wenigen Freunden und Freundinnen an unserer Seite.
Die Zivilgesellschaft schaut ganz bewusst weg, würde sie hinschauen, sähe sie in den Spiegel und dieses Spiegelbild kann oft sehr beängstigend sein.
Mein Vater hat den Holocaust überlebt. Alles woran meine Mutter und mein Vater geglaubt haben, als sie mich in Deutschland in Toleranz und Respekt gegenüber allen Menschen erzogen, wird ad absurdum geführt und ich bin froh, dass sie das alles nicht mehr erleben müssen.
Es gilt nach wie vor "ME TOO-UNLESS YOU ARE A JEW"
Es ist desillusionierend und einfach nur sehr traurig. Wenn es um jüdische Menschen geht, schaut die nicht-jüdische Zivilgesellschaft weg.