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Ein Abend, der unter die Haut ging – Begegnung mit Gadi Moses in Frankfurt

Der 4. November 2025 war ein Abend voller Emotionen, Menschlichkeit und tief bewegender Momente: Das Jüdische Gemeindezentrum Frankfurt empfing den israelischen Gast Gadi Moses, Überlebender der Geiselhaft in Gaza, gemeinsam mit Efrat Machikawa und dem Gesher Ensemble. Organisiert mit der jüdischen Gemeinde Frankfurt, der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge und einem kleinen, aber feinen Aktivistinnenteam.

Überleben als Akt der Stärke

Gadi Moses stammt aus dem Kibbutz Nir Oz  einem Ort, der am 7. Oktober 2023 Schauplatz unvorstellbarer Grausamkeit wurde. Über ein Jahr lang  von Oktober 2023 bis Januar 2025  befand er sich in der Gewalt der Hamas im Gazastreifen. Gefangen in fensterlosen Räumen, von bewaffneten Männern bewacht, überlebte er dank seiner inneren Stärke, seiner Hoffnung  und der unerschütterlichen Sehnsucht nach seiner Familie und seinem Zuhause.

Seine Entführer erzählten ihm, seine Tochter und drei Enkelkinder seien ermordet worden. Seine Frau, so sagten sie, sei ebenfalls Geisel in Gaza. Sie zwangen ihn, ihr Nachrichten zu schreiben in dem Glauben, sie lebe noch. Erst nach seiner Freilassung erfuhr Gadi die Wahrheit: Seine Frau wurde am 7. Oktober ermordet, während seine Tochter und die drei Enkel im November 2023 im ersten Geiseldeal freikamen.

„Es gab Tage, an denen ich dachte, mein Herz springt mir aus der Brust – und ich sterbe“, erzählte Gadi. „Aber ich bin nicht gestorben. Ich habe überlebt. Stärker als zuvor.“ Heute steht Gadi Moses als Symbol für Resilienz, Hoffnung und unzerstörbare menschliche Würde.

Eine Reise in die Vergangenheit

Nur wenige Tage vor der Veranstaltung reiste Gadi Moses mit seiner Nichte in die Heimatstadt seiner Familie: Treysa, ein kleines Städtchen zwischen Marburg und Kassel.
Sein Vater wurde dort geboren, seine Großeltern waren Viehhändler. Der Großvater wurde von den Nazis erschlagen, die Großmutter im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Der Vater konnte 1936 als 14-jähriger Junge nach Eretz Israel fliehen.

Gadi besuchte das ehemalige Haus seiner Familie, wo heute Stolpersteine an seine Vorfahren erinnern. Auf dem jüdischen Friedhof stand er schließlich am Grab seines Großvaters. „Hier schließt sich ein Kreis“, sagte er leise.

Ein Enkel, der von der Hamas verschleppt wurde, steht am Grab seines Großvaters, der von den Nazis erschlagen wurde – beide, weil sie Juden waren. Ein Moment, der alle Anwesenden tief bewegte.

Ein Abend der Verbundenheit in Frankfurt

Der große Abend im Jüdischen Gemeindezentrum Frankfurt war geprägt von Anteilnahme, Solidarität und Dankbarkeit. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Bürgermeisterin würdigte in einer bewegenden Rede den Mut und die Stärke des Gastes. Benjamin Graumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, begrüßte Gadi Moses herzlich: „Wir alle haben für die Freilassung der Geiseln gebetet und gekämpft. Heute bist du hier – und das ist eine große Ehre für uns.“

Auch die B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge sprach eine Spende zu, um Gadi bei seinem großen Ziel zu unterstützen: dem Wiederaufbau des Kibbutz Nir Oz, der nahezu vollständig zerstört wurde.

Eliyah Kraus von Zusammen Frankfurt begrüßte die Gäste auf Hebräisch und erinnerte daran, wie sehr die letzten Jahre alle geprägt haben: „Wir waren nicht still. Wir haben nicht geschwiegen.“

Der 81-jährige Gadi Moses wurde von seiner Nichte Efrat Machikawa interviewt. Ein besonderer Moment des Abends war die Erinnerung an Yitzhak Rabin, der an diesem Tag vor genau 30 Jahren ermordet wurde. Sein Lied „Shir LaShalom“ – Das Lied des Friedens – erklang als Teil des musikalischen Programms, das von Künstlerinnen und Künstlern dargeboten wurde, die ohne Gage auftraten.

Anna Reitnauer, Michelle Stoltze, Eliyah Kraus und Simone Hofmann, die Initiatorinnen und Organisatorinnen dieser besonderen Reise, dankten allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die diesen Abend möglich gemacht haben.

„Gadi Moses ist ein Überlebender“

Die Begegnung mit Gadi Moses hinterließ tiefe Spuren. Sie zeigte, was es bedeutet, trotz unsäglichen Leids Hoffnung zu bewahren und das Leben zu bejahen. „Ich gehöre zur zweiten Generation“, sagte Organisatorin Simone Hofmann. „Mein Vater hat dreieinhalb Jahre Konzentrationslager überlebt. Ich hätte nie gedacht, dass wir im jüdischen Kontext wieder von Überlebenden sprechen müssen. Doch seit dem 7. Oktober 2023 tun wir es wieder. Gadi Moses ist ein Überlebender.“

Ein Abend, der Mut macht. Ein Abend, der zeigt, dass die jüdische Seele stark, stolz und unzerbrechlich ist.
Und dass Erinnerung, Mitgefühl und Menschlichkeit unsere stärksten Waffen gegen das Vergessen bleiben.

Hier einige Impressionen vom Abend und vom Besuch von Gadi Moses in Treysa